Daily Archives: 5. Februar 2015

Träume in Orange

Heute ein einfache und wahlweise eine schwere Variante des Rezeptes; von einem genial leckeren, pervers-gesunden Salat für Freunde der Karotte aka Mohrrübe aka Möhre. In einem Wort, das ohne diese Einleitung alles gesagt hätte, ausgedrückt: Synonymie – auch wenn darüber häufig, teilweise leidenschaftlich geführte Diskussionen entbrennen mögen.

Die zwei verschiedenen Rezepte-Varianten entspringen der Idee, aus eigentlich kaum als Rezept beschreibbaren, singulären Kochereignissen, doch etwas Bleibendes und Praktikables zu gewinnen. Wertschöpfung am Singulären, ein irgendwie sündiges Unterfangen. Aber ein Rezept stellt immer auch ein Chance dar, Erfahrungen – negative wie positive – aus Kochexperimenten einfließen zu lassen und so bewusst etwas künstliches, aber empirisch und rational Verbessertes und Verbesserbares zu erschaffen – offener Text. Das dieser Text als Rezept mehr zu leisten vermag, als die lapidare Aussage: „Du, gestern da hab ich toll gekocht und das Essen hat danach lecker geschmeckt. Das glaubst du nicht!“, ist ein triviales Argument, aber nicht weniger wichtig. Der Text kommt aber mit seinen Darstellungsmitteln bereits dort an seine Grenzen, wo es um fein abgestimmtes, womöglich korrigiertes Detail im Geschmackserlebnis geht und wilde Spontanität beim Kochen geht. Gerade bei selbst kreierten Curries spielt eine ganze Palette von Aromen und Zutaten eine Rolle und es verlöre enorm an Zauber und Reiz, wenn man dabei immer und minutiös mit Waage, Stoppuhr und Notizbuch zu Werke gehen würde. Also stehen die durch Experiment und Darstellung mögliche Optimierung einer Rezept-Idee gegenüber dem einmaligen Erlebnis des freien Kochens im Rausch der kreativen Schöpfung – singulär eben – als zwei polare Aspekte der Analyse oder der praktischen Haltungen beim Kochen selbst. Ich bevorzuge alltäglich die zweite Variante mit gelegentlichen Ausflügen in die Gefilde der ersten Art des Kochens und Denkens – Mode 1 und Mode 2 Kochen quasi. Diesen einfachen Dichotomien korrespondieren dann auch irgendwie die beiden Schwierigkeitsgrade des Rezepts – aber nur irgendwie.

Man vergebe mir gnädig diesen ersten philosophischen Ausrutscher; aber vor diesem sporadischen Bedürfnis, die Erfahrung des Kochens zu reflektieren, wurde ausdrücklich gewarnt. Allem voran ist das Schreiben von Rezepten eine hoch interessante und lehrreiche Tätigkeit. Der Versuch, bleibenden Wert und pure Objektivität zu schaffen; ohne sprachliche Schnörkel und unnütze Ornamente, ist eine heilsame Kur für jeden Texter. Kommen wir nun also endlich zum praktischen, konkreten Teil: dem Rezept, das nie wieder auf die gleiche Art, aber immer wieder auf eine neue und vielleicht bessere Art von Euch und mir zubereitet werden kann. Zwischen dem einfachen Vorschlag und dem übertriebenen Idealvorschlag, der gerne überholt werden kann, schwanken hier die Ansprüche des Gerichts. Welches Wort oder welchen Anspruch man auch immer für sich selbst wählt, hier sind die zwei Wege zu den Träumen in Orange.


Arabisch-indischer Karottensalat

– Metadaten des Gerichts –

Kochniveau: 3/10 oder 5/10 – Dauer: ca. 25/35 Minuten – Kosten: Günstig oder mittel

Rezept zum Ausdrucken: Arabisch-indischer Karottensalat (PDF)

Gemeinsame Zutaten

  • mittelgroße (ca. 400g) Karotten
  • 2 EL Essig
  • 1 EL Limettensaft (Alternativ Zitronensaft)
  • 1 EL Sojasoße
  • 1 mittelgroße Zwiebel  (Meine Favoriten sind besonders hier die roten, aber die Wahl der Zwiebel bleibt weiterhin selbstverständlich jedem Koch überlassen)
  • 1 Zehe Knoblauch
  • 1 TL Salz (In Fällen wie diesem immer lieber Fleur de Sel, wenn man mich fragt)

    Einfache Variante

  • 4 TL Currypulver
  • 1 TL Chillipulver (Hier kann scharfe Paprika oder Cayennepfeffer als Ersatz dienen)
  • 1 TL Kardamom
  • 3 EL Orangensaft
  • 1 TL schwarzer Pfeffer
  • 1 EL mildes Öl
  • 1 TL Zucker
  • 1 EL Küchenkräuter
  • 1 Prise Zimt
  • 1 Spritzer Orangen-Aroma (Wenn es sein muss, tut es wirklich auch das Backaroma)

        Übertriebene Variante

  • 3 EL Mango-Maracujasaft
  • 1 TL grüne Kardamom-Kapseln
  • 1 TL Koriandersamen
  • 1 TL gemahlener Ingwer
  • 1 EL Pistazienöl
  • 1 TL Bockshornkleesaat
  • 1 TL schwarzer Pfefferkörner
  • 1 TL ganzer Kreuzkümmel
  • 2 TL Schwarzkümmel
  • 1 Prise Fenchelkörner
  • 1 cm Zimtstange
  • 1/3 Anisstern
  • 1 kleine getrocknete Chili
  • 1 TL Orangenöl (Abrieb unbehandelter Orangenschale könnte einen Versuch wert sein)
  • 1 EL frischer Koriander
  • 1 EL frische Minze

        Praxis-Anleitung

  1. Zu Anfang die Karotten waschen und grob reiben. Zwiebeln schälen und fein hacken.
  2. Nun das Gemüse mit allen gemeinsamen Zutaten in eine Schüssel geben und vermengen.
  3. Bei der einfachen Variante zuletzt die restlichen Zutaten hinzufügen; noch einmal gut umrühren und ca. 10 Minuten luftdicht ziehen lassen. (Hier endet somit bereits die nicht erprobte, aber gedanklich für gut befundene, simple Variante des Gerichts)
  4. Für die übertriebene Variante als nächstes Koriandersamen, Kardamom-Kapseln, Bockshornkleesaat, Zimtstange, Anisstern, Chili, Pfeffer, Fenchel und Kreuzkümmel in einer Pfanne ohne Fett max. 5 Minuten anrösten und besonders auf die Gefahr des Anbrennens achten.
  5. Während die Gewürze in der Pfanne liegen, alle übrigen Zutaten bis auf den Schwarzkümmel zum Salat hinzugeben und gut vermischen.
  6. Dann die fertig gerösteten Gewürze in einem Mörser zerstoßen und ordentlich vermahlen. Die Gewürze daraufhin zum Salat geben und gut vermengt 10 Minuten ziehen lassen.
  7. Zum Abschluss den Schwarzkümmel ganz leicht anrösten und über den nochmals durchmengten Salat streuen.

#1/12 – Hört, hört: Ein Erstling kann bestaunt werden

Heute eröffne ich feierlich und mit einer tiefen Verbeugung eine neue Kurzserie innerhalb der Fiktionalen Kleinode. Es handelt sich um Teil eins einer zwölfteiligen Text-Serie, bestehend aus dem ersten Zugang zu einem überraschenden Erstlingswerk. Im Laufe der nächsten Tage und Wochen werden die weiteren elf Teile schrittweise folgen. So dass am Ende der Folge der komplette Text  „Die Heimkehr des verspannten Fast-Magisters vorliegen wird.

Ein guter Freund aus der Metatext-Redaktion, der seinerseits anonym bleiben möchte, gab mir kürzlich diese ersten 35 Seiten seines ambitionierten Versuchs, Literatur zu erschaffen. Er war weit bescheidener in seiner Wortwahl, aber als literarischer Versuch geht das Ergebnis seiner Bemühung auf jeden Fall durch; und das ambitioniert wage ich ganz verwegen. Als kleines Dankeschön für mein stets offenes Ohr in dieser Hinsicht und die Möglichkeit der hiesigen, Test-Publikation, hat der Autor dem Protagonisten des ersten Kapitels meinen Namen zum Nachnamen gegeben. Zwar soll dieser Xaver Satorius nur ein, wenn auch bevorzugter Hauptakteur unter und neben vielen anderen sein, aber mit seinem Gedankenkonzil ist er an sich schon ein lesenswertes Kuriosum. Man könnte, wenn dieser literarisch-technologische Hybrid konsequenter in den Plot eingeflochten würde, mit ihm alleine Kapitel füllen. Denn wirklich alleine ist der vielstimmig Typ eigentlich nie. Aber urteilt selbst über die ersten Seiten des ersten Kapitels eines noch namenlosen Episodenwerks, eines ebenso namelosen Freundes. Ich jedenfalls werde seinen Text wie meinen Text behandeln; ihn sorgsam formatieren, immer pfleglich behandeln und wohl portioniert publizieren. Korrektur gelesen habe ich ihn jedoch nicht, hoffen wir also auf die Sorgfalt des Autors.

Besonders hier sind Kommentare sicher hoch willkommene Anregungen, die dem Lehrling der Textkunst auf seinem Weg gewiss weiterhelfen. Hauptsache ist hier, dass sie gerne kritisch sein dürfen, dabei bevorzugt aber konstruktiv formuliert werden sollten. Versteht Euch als gutmütige Lektoren und verzichtet auf Wertungen im Stile von: „Was ein Scheiß – ab  damit in den Papierkorb und zwar ganz schnell!

Ein hoch auf den steinigen, erbaulichen Weg in die Kunst, Euer Satorius


Die Heimkehr des verspannten Fast-Magisters

Teil 1 von 12: Seiten 1 bis 4.

Zunächst kratzte er sich nur flüchtig. Im Nacken am Haaransatz begann er, ging aber sofort nahtlos dazu über, seine Nackenmuskulatur immer energischer zu massieren. Was dort seit einigen Stunden an Verspannung gewachsen war, entsprach proportional so ungefähr dem Maß an Veränderung, das sein Leben seit Längerem irritierte. Eine neuerliche Veränderung, eine epochale Entwicklung und ein akuter Zustand spielten in diesem Zusammenhang herausragende Rollen.

 

Entgegen seiner an sich sesshaften und gemütlichen Natur, die zu Kontemplation und Trägheit, leider aber auch zu Weltflucht neigte, befand sich Xaver Satorius [Hervorhebung durch Satorius] seit nunmehr 5 Aktuell-Tagen auf der Reise. Deren Ziel würde, so hoffte er, sein neues Zuhause werden. Für welche Dauer und ob überhaupt, stand dabei zunächst gänzlich offen. Trotz aller Fährnisse und Unannehmlichkeiten, die ein interplanetarer Umzug unter herrschenden Zuständen mit sich brachte, erwartete ihn dort die Chance auf eine verheißungsvolle Anstellung. Damit würde er in seiner beruflichen Laufbahn den Schritt vom Theoretiker zum Praktiker beschreiten. Über die klassischen Anforderungen an einen Bewusstseinsformer hinaus, kämen ihm die Rollen eines moralischen Erziehers und intellektuellen Mentors zu, vielleicht gar in späteren Jahren diejenige eines Vertrauten.

 

Heraus aus dem eben noch erträglichen, lunaren Exil, der nie so recht lieb gewonnenen Zuflucht, führte ihn sein Weg. Er hatte die mickrige, aber immerhin sehr sichere Siedlung verlassen, deren einzige Existenzberechtigung in ertragreichem Tiefenbergbau bestand und die nicht einmal einen echten Namen erhalten hatte. Warum gerade hier eines der Refugien der Academia Universalis verborgen war, beantwortete die schiere Irrelevanz dieses Ortes in solarer Perspektive eindrucksvoll. Keiner der diversen kriegstreibenden Akteure und vornehmlich deren todbringende Schergen interessierte sich für diese unbedeutende Gegend. Beginnend in jener trotz allen technischen Fortschritts noch immer schlecht erschlossenen Region auf der dunklen Rückseite des Mondes, hatte ihn seine bisheriger Route über nur wenige Zwischenstationen zum zentralen Raumknoten des Erdtrabanten in Eluna geleitet. Dort hatte er sich ohne Umschweife, so sah es nämlich seine rigide Planung vor, eine Passage in Richtung traumatische Vergangenheit gebucht: Destination Erde!

 

Ohne sich auf seinem Weg ernstlich mit seiner Umgebung zu beschäftigen, war er die meiste Zeit über in einer sensorisch-geschützten, digital-aufbereiteten Hyperrealität seines Gedankenkonzils unterwegs gewesen. In einem als Reisekokon bezeichneten Modus dieser Bewusstseinserweiterung, die ihm trotz minimalem Kontakt zur Außenwelt eine zielstrebige, hoch effiziente Fortbewegung ermöglichte; Mobilität fast ohne Reibung mit der Umwelt, der Kontrapunkt zu dem, was in früherer Zeit als Flanieren Kulturgeschichte geschrieben hatte. Er hatte diesen Daseinszustand öfter gesucht, als er sich das wünschte – mehr noch sehnlich erhoffte. Er musste sich unbedingt wieder mehr an die reale Welt, die Menschen dort und vor allem den Umgang mit beidem gewöhnen, sonst würde er es zukünftig schwer haben. Sowohl in professioneller, als auch existenzieller Hinsicht waren die Rückkehr in die wirkliche Welt und vor allem die Wiederaneignung des Sozialen essenziell. Die Fähigkeit zu Empathie und das Erzeugen von Bindung würden unumgängliche Ebenen seiner praktischen Arbeit sein, dabei half ihm all seine theoretische Kompetenz, mehr noch Brillanz, nur mäßig weiter. Die womöglich starken Emotionen, die unvermeidliche Folge dieses Pfades sein würden, bestünden angesichts der epochalen Entwicklung wahrscheinlich eher in Leid und Schmerz, denn in Glück und Freude.

 

Im Anflug einer Marotte – damit zum akuten Zustand – rechnete er in Nanosekunden-Schnelle mithilfe einer der verbliebenen, recht simplen Kognitivfunktion seines zur Zeit eigentlich inaktiven Gedankenkonzils um: „5 Aktuell-Tage entsprechen, laut letztem von Googol recherchiertem Kurs für den Planeten Erde, 1,23 alten Tagen. Zudem besitzt diese vergleichsweise weit verbreitete Kalendarik sowohl im Zentralknoten Frankfurt Rhein/Main, als auch im gesamten übrigen Einflussbereich der Karlus-Korporation und insgesamt in weiten Teilen Europas Gültigkeit. Also wäre ich bereits 5 mal 1,23 Tage unterwegs gewesen; damit im Ergebnis exakt 6,15 Tage, bevor damals plötzlich die ganze Welt auf die schiefe Bahn geraten ist – knapp 6 Tage!“, rief er sich sofort gedanklich und damit gleich doppelt zur Ordnung.

 

Nicht in neurotischem Ausmaß detailverliebt zu sein, war als mentale Einstiegsübung zunächst noch relativ leicht machbar, da an sich emotional wenig brisant. Sich ganz alleine seinen übrigen Existenzmustern und der neuerlichen Entwicklung zu stellen, war hingegen schon reichlich zermürbend. Einerseits galt es damit einiges zugleich zu beherrschen und andererseits täuschte der wohlfeile Fachbegriff Potenzialreduktion über die praktischen Schwierigkeiten seiner Umsetzung hinweg. Gezielt und kontrolliert wenig Wiederholung sowie Verstärkung von ungewolltem Denken und Verhalten zuzulassen, war zwar schon konkreter, aber dennoch nicht leichter zu realisieren. Denn ohne die mannigfachen Formen medialer Zerstreuung und schlimmer noch ohne höhere augmentale Unterstützung musste er derzeit sein Dasein fristen. Seine Existenz wurde derzeit durch mentale Disziplin, die kärglichen Eindrücke aus der realen Umgebung und sporadische, kaum hilfreiche Impulse seines Gedankenkonzils bestimmt; fast nur sein nacktes Ich war im Moment präsent – ein höchst ungewohnter Bewusstseinszustand für Xaver. Hierbei bereitete ihm neben seiner ausgeprägten Weltfremde, der mangelnden Veränderungsintoleranz und der sozialen Inkompetenz besonders eine Aufgabe höchste Pein: Es galt die existenzielle wichtige Herausforderung zu bewältigen, seine mehr als schmerzlichen Gedanken an die mittlerweile vernarbten Wunden der Vergangenheit zu bannen und dabei zugleich der bitter-süßen, nostalgischen Versuchung romantisch-naiven Heimwehs zu widerstehen.

 

So in etwa artikulierten sich die Ansprüche an eine rational wie emotional kluge Haltung in der aktuellen Situation und nur eine solche war der Lebenskunst eines Magister Universalis angemessen. Eines Fast-Magisters genauer gesagt, wie er bei den anfangs immer seltener gewordenen und dann irgendwann ausgebliebenen, heiteren Gelegenheiten zu scherzen gepflegt hatte. Nun würde es bei diesem Titel bleiben müssen, denn die materiellen wie ideellen Strukturen der ehemals einflussreichen Academia Universalis existierten nur noch in verstreuten Bruchstücken, wie die vieler anderer Institutionen und Errungenschaften menschlicher Kultur; aber immerhin sie existierten, noch immer, nach Allem! Bis diese zivilisatorischen Scherben, wenn überhaupt, je wieder zu einem lebendigen, noch gar harmonischen Ganzen zusammengesetzt sein würden, waren geachtete Titel, renommierte Abschlüsse und wichtige Prüfungen weitestgehend abgeworfene Aspekte. Deren Verlust allerdings wog weit weniger schwer, als derjenige des selbstverständlich gewordenen, kulturellen Erbes der solaren Menschheit: Sicherheit im Einklang mit Freiheit, Gerechtigkeit gepaart mit Frieden, Humanität im Angesicht radikaler Pluralität sowie nicht zuletzt Fortschritt im Verbund mit Hoffnung! Alles zusammen höchst allgemeine Begriffe, die durch die letzten Epochen der Menschheitsentwicklung an historischer Kontur gewonnen und erstaunliche Wirksamkeit entfaltet hatten. Notwendig ging mit dieser Konkretisierung eine Wandlung einher, sodass Interpreten des 21., noch gar solche des 16. oder sogar vorchristlicher Jahrhunderte sie kaum noch wiedererkannt hätten. Jedoch galt Entsprechendes in eklatanterem Ausmaß auch für die letzte Generation. Xaver selbst hatte bereits und würde weiterhin die Spuren dieser großen utopischen Idee der Kulturgeschichte in kuriosen, abwegigen Windungen sich verändern sehen.    

 

„Nicht wieder daran denken; schau doch nicht immer zurück Richtung Vergangenheit, sondern voraus in eine unweigerlich bessere Zukunft!“, schallte es kraftlos und ziemlich plakativ durch sein Bewusstsein. So waren ihm die Mitglieder seines Gedankenkonzils wahrlich keine Hilfe bei der Bewältigung der akuten Krise. In ihrer existenziellen Problematik schon anspruchsvoll genug, wurde diese Last ihm ganz alleine aufgebürdet. Ohne zuverlässige technisch-kognitive Unterstützung, geriet die Situation zunehmend zu einer Grenzerfahrung.

 

In einem zynischen, inneren Lachanfall über die Tortur an Reflexionsakrobatik und Gedankengymnastik kehrte er ins Hier und Jetzt und damit zu einer simplen, noch immer beharrlich dumpf-schmerzenden Nackenmuskulatur zurück. Er wünschte sich in diesem Moment, in den letzten Jahren Gymnastik ernster genommen zu haben; er hätte wirklich mehr Zeit mit der Pflege seines Körpers verbringen sollen, anstatt sich fast nur noch im technologischen Äther des Gedankenkonzils und in Gegenwart dessen diverser Module aufzuhalten. Anfangs, gerade für seine Profession, in soeben noch zulässigem Maße betrieben, wurde seine Weltflucht ab einem bestimmten Punkt wirklich problematisch. Er hatte begonnen, sich immer öfter und immer länger mit den Möglichkeiten des Konzils sowie der Hilfe und Gesellschaft der mittlerweile 6 Mitglieder an alles erdenkliche und greifbare Wissen über verlorene Welten und verlorene Zeiten zu klammern. Wo es zu Beginn noch berufliche gesetze sowie private motivierte Schwerpunkte in seinem Handeln gegeben hatte, wurden seine Forschungen zunehmend willkürlicher und wahlloser – zuletzt waren sie zum reinen Selbstzweck degeneriert. Diese Eskapaden hatten schließlich sogar fast seine komplette Freizeit und die eben noch vertretbaren Anteile der an sich schon geringen Arbeitszeit ausgefüllt. Immerhin hatte er sich während dieser Aufenthalte in den künstlichen Paradiesen Unmengen an totem, besser verstorbenem Geschichtswissen erworben. Den eigentlichen, unsagbaren Grund dieser zweiten Flucht, die unvorstellbaren, milliardenfachen Schrecken der solaren Wirklichkeit und deren naher Vergangenheit, hatte er tief vergraben; vergraben unter Unmengen frischer Graberde einer beständig fort exhumierten historischen Erinnerung – selbstverständlich unter Aussparung der neueren Geschichte.