Art 146
Dieses Grundgesetz, das nach Vollendung der Einheit und Freiheit Deutschlands für das gesamte deutsche Volk gilt, verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.
Parlamentarischer Rat (1948-1949), Grundgesetz der BRD
[Ist der letzte Artikel dieser (Übergangs-)Verfassung nicht ein grandioses Finale; Logisches Ende und historisierender Sargnagel zugleich? Damit erspüre ich ein einladend geöffnetes Tor in die konstitutionelle Zukunft! Worauf warten wir noch, warum fordern wir keine derartige Offenheit für unsere Heimat? Hier bei uns wäre nämlich alles besser als der Status quo, besonders ein solch offenes, lernfähiges Provisorium wie dort. Dieser Zustand und die ihm innewohnende Diskrepanz erfüllen mich phasenweise mit Neid, Scham oder Ärger – manchmal sogar alles zeitgleich zusammen; D.Q.]
Daily Archives: 21. Juni 2015
Fragwürdige Fremdverzweiflung im Fragment
In einem Komplex aus Sturm und Drang, Bipolarer Störung und romantischer Finesse finden wir uns heute mit dem neusten Text-Fast-Food. Eindringliche Worte vermitteln einen tiefen Einblick in eine gepeinigte, hin- und hergeworfene Existenz.
Auch wenn ich die Frage, wie dieses Bekenntnis eines Leidenden in den Zusammenhang der Text-Attentate passen soll, nicht zu stellen, noch gar zu beantworten wage, vermag ich doch immerhin Zweierlei:
Zum einen eine Leseempfehlung auszusprechen für das gesamte Fragment, dem eine berauschende, poetische Kraft innewohnt. Von dieser Kraft erfasst, wurde ich eines Nachts richtiggehend mitgerissen. Zum zweiten erlaube ich mir einen Verweis auf den thematisch eng verwobenen Briefroman Hyperion oder der Eremit in Griechenland aus den Jahren 1797-1799. Hier allerdings ohne eigene Lektüreerfahrung, riskiere ich einen Vorschuss an Erwartungen und hoffe dabei auf literarisch Ebenbürtiges.
Fröhliche Fremdverzweiflung, Euer Satorius
Aber die mannigfaltige Täuschung drückte mich unaussprechlich nieder. Ich glaubte wirklich unterzugehn. Es ist ein Schmerz ohne gleichen, ein fortdaurendes Gefühl der Zernichtung, wenn das Dasein so ganz seine Bedeutung verloren hat. Eine unbegreifliche Mutlosigkeit drückte mich. Ich wagte das Auge nicht aufzuschlagen vor den Menschen. Ich fürchtete das Lachen eines Kindes. Dabei war ich oft sehr still und geduldig; hatte oft auch einen recht wunderbaren Aberglauben an die Heilkraft mancher Dinge. Oft konnte ich ingeheim von einem kleinen erkauften Besitztum, von einer Kahnfahrt, von einem Tale, das mir ein Berg verbarg, erwarten, was ich suchte.
Mit dem Mute schwanden auch sichtbar meine Kräfte.
Ich hatte Mühe, die Trümmer ehemals gedachter Gedanken zusammenzulesen; der rege Geist war veraltet; ich fühlte, wie sein himmlisch Licht, das mir kaum erst aufgegangen war, sich allmählich verdunkelte. Freilich, wenn es einmal, wie mir deuchte, den letzten Rest meiner verlornen Existenz galt, wenn mein Stolz sich regte, dann war ich lauter Wirksamkeit, und die Allmacht eines Verzweifelten war in mir; oder wenn sie einen Tropfen Freuden eingesogen hatte, die welke dürftige Natur, dann drang ich mit Gewalt unter die Menschen, sprach, wie ein Begeisterter, und fühlte wohl manchmal auch die Träne der Seligen im Auge; oder wenn einmal wieder ein Gedanke, oder das Bild eines Helden in die Nacht meiner Seele strahlte, dann staunt ich, und freute mich, als kehrte ein Gott ein in dem verarmten Gebiete, dann war mir, als sollte sich eine Welt bilden in mir; aber je heftiger sich die schlummernden Kräfte aufgerafft hatten, desto müder sanken sie hin, und die unbefriedigte Natur kehrte zu verdoppeltem Schmerze zurück.
Wohl dem, Bellarmin! wohl dem, der sie überstanden hat, diese Feuerprobe des Herzens, der es verstehen gelernt hat, das Seufzen der Kreatur, das Gefühl des verlornen Paradieses. Je höher sich die Natur erhebt über das Tierische, desto größer die Gefahr, zu verschmachten im Lande der Vergänglichkeit!
Friedrich Hölderlin (1770 – 1843), Fragment von Hyperion: S. 4 (1797 – 1799)
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