Daily Archives: 15. Oktober 2016

Utopisches Duell: Rosa (Gegenwart) vs. Avanessian (Zukunft)

[Hartmut] Rosa: In meiner Arbeit etabliere ich den Begriff der Resonanz als einen sozialphilosophischen Grundbegriff, der als Gegenbegriff zur Entfremdung eine gelingende Form des In-der-Welt-seins beschreibt. Er beschreibt eine Form der Beziehung zwischen Subjekt und Welt. […] Es geht um den vibrierenden Draht zwischen mir und der Welt. Es geht um Berührbarkeit und Selbstwirksamkeit. Nur wer die Welt gestalten kann und sich wiederum durch sie verändern lässt, spürt diesen Draht und hat das Gefühl, ein gelingendes Leben zu führen. Tatsächlich birgt Resonanz immer ein transformatives Element: Subjekt und Welt verändern sich in der und durch die Bewegung. Ich denke, dass diese Erfahrung der »Anverwandlung«, des Veränderns und Verändertwerdens durch die Welt, genau das ist, worum es auch in den Achtsamkeitstechniken geht. Darin liegt oft ein Protest gegen den permanenten Zwang zur Optimierung und zu einem nur verdinglichenden Zugriff auf die Welt, dem es nicht darum geht, Dinge zum Sprechen zu bringen, sondern sie unter Kontrolle zu kriegen. Und ich sehe ehrlich gesagt nicht, was daran falsch sein soll.

 

[Armen] Avanessian: Weil es schlichtweg eine Illusion ist, angesichts der neuen Technologien und denen mit ihnen verbundenen Möglichkeiten, noch ganz im Jetzt sein zu können. Von dieser Illusion müssen wir uns endlich verabschieden und uns stattdessen mit dem fundamentalen Zeitwechsel beschäftigen, den wir gerade erleben. Was sich geändert hat, ist die nämlich Zeit selbst – und zwar hat sich ihre Richtung geändert. Wir bewegen uns nicht mehr aus der Vergangenheit kommend auf die Zukunft zu. Es ist eher umgekehrt: Die Zeit kommt aus der Zukunft und diese ereignet sich vor der Gegenwart. […] Das beste Beispiel ist Big Data. Denken Sie an die Amazon-Algorithmen, die uns demnächst auch gleich ungefragt Produkte zusenden werden, weil der Algorithmus etwas über uns weiß, noch bevor wir handeln. […] Kurzum: Die Gegenwart wird heute transformiert und gesteuert, noch bevor sie überhaupt stattgefunden hat. Diese neue Konstellation ist typisch für komplexe, algorithmisierte Gesellschaften, in denen – egal wie sehr uns das irritiert – menschliche Erfahrung und Gegenwart [mithin die ganze Palette an Praktiken zur Steigerung von Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit, Anm. D.Q.] kein Primat mehr haben.

 

[Hartmut] Rosa: […] Problemarisch ist aus meiner Sicht vor allem, dass wir die Erfüllung immer im Morgen wähnen. Heute bin ich im Stress, aber morgen fange ich richtig an zu leben, weil dann mein Yogakurs anfängt, ich auf eine Safaritour gehe oder das neue Sofa geliefert wird. So hält man sich auf Trab, das ist eine kapitalistische Strategie, die sich auch und gerade darin zeigt, dass wir unser Resonanzbegehren immer stärker auf Objekte, auf Konsumartikel übertragen. Aus Resonanzbegehren wird Objektbegehren.

 

[Armen] Avanessian: […] Wir müssen diese Technologien vielmehr begreifen, um sie anders, nämlich für ein besseres Leben zu nutzen. Wir müssen uns doch klarmachen, welche Riesenchancen in diesen Innovationen liegen! Genau darum geht es in der von mir mitbegründeten Bewegung des Akzelerationismus: Wir müssen die technologische Beschleunigung in eine soziale und politische Dynamik übersetzen. In der linken politischen Theorie der letzten Jahrzehnte sehe ich viel zu wenige kenntnisreiche Auseinandersetzungen mit dem progressiven Potenzial der gegenwärtigen Technologien und Wissenschaften. […] Anstatt aufs Jetzt und das Glück im Augenblick zu starren, sollten wir eine andere, eine bessere Zukunft imaginieren. Wie kann diese Zukunft aussehen, und inwiefern kann die Technik uns helfen, sie zu verwirklichen? Denken sie an die Aufklärer im 18. Jahrhundert, Karl Marx im 19. Jahrhundert, die revolutionären Avantgardisten im 20. Jahrhundert: Sie alle glaubten noch an das prometheische Versprechen, dass wir mit den Mitteln der Technik eine andere, bessere Zukunft gestalten können. Und was machen die Linken heute? Sie verschließen allzu oft die Augen.

 

[Hartmut] Rosa: […] Und ich gehe noch einen Schritt weiter und sage, dass wir uns vom Kapitalismus und dessen Steigerungslogik verabschieden müssen, um anders in der Welt zu sein. Das Prometheische, das sie loben, ist Teil des Problems. Es fundiert das Programm des wissenschaftlichen, technischen, politischen und ökonomischen Verfügbarmachens von Welt, das leider die problematische Nebenfolge zeigt, die Welt stumm werden zu lassen. […] Wir sollten das prometheische Weltverhältnis des Beherrschens und Verfügens durch ein orphisches des Hörens und Antwortens ersetzen.

 

[Armen] Avanessian: Ich sage nicht, dass wir alles machen müssen, was technisch möglich ist. Aber ich bin trotzdem sehr dafür, das Mögliche zu denken. Der Akzelerationsmus ist eine politische Theorie, hinter der die philosophische Strömung des Spekulativen Realismus steht. Innerhalb dieser Strömung geht es zum einen darum, die Realität philosophisch wieder anzuerkennen, also sich abzuwenden vom konstruktivistischen und relativistschen Hype der letzten Jahrzehnte. Gleichzeitig müssen wir der Spekulation Raum geben. Wer es rundweg ableht zu spekulieren, der liefert sich dem Gegebenen aus. Der Spekulative Realismus entdeckt neue Möglichkeiten, indem er eine neue Zeit entdeckt. Und genau hier liegt auch der Kern des Akzelerationsmus. Wir kennen die aus der Zukunft kommende Zeit nur in ihrer neoliberalen und finanzfeudalistischen Variante, und verteufeln sie deswegen vorschnell, statt ihr Potenzial zu sehen. Kann es nicht auch von Nutzen sein, die Zukunft zu verstehen und von einer besseren Zukunft aus die Gegenwart zu verändern?

 

Armen Avanessian (1973 – ) & Hartmut Rosa (1965 – ), Gespräch auf der phil-cologne 2016 unter dem Titel „Wie viel Zukunft verträgt die Gegenwart?“, in: Philosophie Magazin Nr. 05/2016 (August/September), S. 60 – 65

Ein Artikel auf Zeitreise: der 2. Geburtstag!

Der folgende Artikel hat eine Zeitreise hinter sich: vom 01.01.2017 zurück in die Vergangheit an den 15.10.2016. Gründe und Sinn dieses Phänomens sind ebenso nebulös, wie es viele andere Ereignisse auf, in und rund um Quanzland waren, sind und sein werden.

Die Wirren des Anfangs sind vorüber: Erfahrungen, erbauliche wie ernüchternde, wurden erst gemacht, dann gesammelt und zuletzt anerkannt; Projekte wurden entworfen, teils realisiert, teils suspendiert oder doch schlicht wieder fallgelassen; Strukturen zuletzt haben sich etablieren können und halten dem Leben und Wirken von Satorius leidlich stand. Mit diesem knappen Resümee wollen wir von der Metatext-Redaktion eigentlich nur eines sagen und das tun wir in nicht geringer als bunt und formatiert:


Herzlichen Glückwunsch zum 2. Geburtstag Quanzland!

wünscht die gesamte Metatext-Redaktion


Wie anlässlich der letzten beiden Jubiläen (halbes & erstes Jahr) begonnen, haben wir auch dieses Mal eine kleine quantitative Übersicht der Inhalte zusammengestellt, um die Entwicklung des letzten Jahres sichtbar werden zu lassen. Diese noch frische Tradition werden wir fortführen und dadurch weiter kultivieren, so jedenfalls der beinahe einstimmige Beschluß der entsprechenden Redaktionssitzung. Satorius hatte hierzu – wie immer und zu fast allem – seine Einwände, welche wir aber knallhart ignoriert haben. Denn dieser Text ist eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen wir unsere unermüdliche Arbeit hinter den Kulissen auch einmal auf der digitalen Bühne erfahrbar machen können und da lassen wir uns nicht reinreden. Auch und besonders nicht von unserem werten Autoren, der sich gerne als mächtiger Protagonist gebärdet. Wenn aber zwölf Menschen gegen einen stimmen, bringt es diesem einen mal so überhaupt gar nichts, dass er der nominelle Chef des ganzen Projekts ist. Auch konnten wir diese Form der Basis-Demokratie vertraglich fixieren und damit gegen die feudalen bis autokratischen Tendenzen von Satorius durchsetzen. Seine Stimme zählt bei Abstimmungen zwar immer dreifach, sein Vetorecht hingegen darf er nur bei Kontroversen einlegen, die nicht eindeutig in unseren Kompetenzbereich fallen – wie zum Beispiel Metatexte aller Art und insbesondere Jubiläumstexte.

Also wohlan denn: Was ist im letzten Jahr passiert, wo wurde fleißig produiziert, wo doch eher träge vor sich hingegammelt?


Thema (+0)       Anzahl der Beiträge: 156 (+57)       Format  (+0)

Fiktionale Kleinode   80 (+10)

Text-Fast-Food   64 (+16)

Denkwelten   39 (+7)

Lichtrausch   35 (+7)

Originale   22 (+1)

Diskurse der Nacht   21 (+7)

Kulinarik    20 (+4)

Quanzland-Zeitgeschehen   16 (+6)

Lyrik-Alarm   14 (+4)

Metatext   10 (+2)

 

NEU: Text-Slow-Food   1 (+1)

Rätsel-Runde   1 (0)


Quantitativ geht es also sichtlich und weiterhin gut voran hier bei uns in Quanzland, wenn auch im Vergleich zum ersten Jahr etwas gedämpfter. Neues, wie das Unterformat Text-Slow-Food, ist entstanden, Altes und Strukturen wurde überdacht und abgewanbdelt. In Hinblick auf Qualität und Kontinuität jedoch sind wir unterdessen nicht rundum zufrieden, liegen deshalb Satorius auch ständig mit unseren Erwartungen und Ansprüchen in den Ohren: mindestens ein Artikel pro Woche, stete Durchmischung der Formate bzw. Themen, zwei Korrekturphasen nach der Abfassung eines jeden Artikels, mehr eigne Inhalte und so weiter. Aber es ist, wie es ist und er ist, wie er ist. In diesem Sinne gärt es also hinter den Kulissen; jedoch herrscht hierbei eine konstruktive Spannung, deren Dynamik wir derweil so produktiv transformieren konnten, dass weitere 57 Artikel entstanden sind.

Wenn uns und ihm zukünftig irgendwann auch noch eine echte, eine nicht nur anonyme und schweigende Leserschaft erwüchse, dann bekäme Quanzland einen äußeren Zweck, wäre damit nicht selbstgnügsamer Selbstzweck. Unterdessen aber, machen wir alle einfach weiter so!

Mit bilanzierenden Grüßen direkt aus dem Äther der digitalen Zeitfalten, Ihre Metatext-Redaktion